„Eine Stadt ist kein Datensatz.“ Und: „KI ist nie wieder so schlecht wie heute.“ Zwei Sätze, die auf der Deutschen Stadtmarketingbörse 2026 in Cottbus fielen und die Spannweite der drei Tagungstage gut beschreiben. Denn unter dem Motto „Künstlich intelligent, natürlich kommunikativ“ ging es nicht allein darum, was Künstliche Intelligenz heute bereits leisten kann. Im Mittelpunkt stand vor allem die Frage, wie Stadtmarketingorganisationen mit einer Technologie umgehen, die sich rasant weiterentwickelt und zunehmend unsere Arbeitsweisen, unsere Kommunikation und den Zugang zu Wissen verändert.
Drei Tage lang traf sich dafür die Stadtmarketing-Community aus ganz Deutschland in Cottbus. Keynotes, Praxisimpulse, Best-Practice-Beispiele und das Experience Center zeigten ganz unterschiedliche Zugänge zu KI – von Kommunikation und digitaler Öffentlichkeit über Daten und Wissensmanagement bis hin zu KI-Strategien und agentischen Systemen. Dabei ging es ausdrücklich nicht um Technik um der Technik willen, sondern um die Frage, wie KI so eingesetzt werden kann, dass sie der Stadtgesellschaft und der Arbeit vor Ort einen tatsächlichen Mehrwert bietet.
Cottbus bot dafür einen passenden Rahmen. Kaum eine Stadt macht derzeit so sichtbar, was Transformation bedeutet. Der Strukturwandel der Lausitz bringt neue wirtschaftliche, wissenschaftliche und städtebauliche Perspektiven hervor, während gleichzeitig die Identität und Geschichte der Region eine wichtige Rolle spielen.
Bereits die Exkursionen zum Auftakt der Stadtmarketingbörse machten diese unterschiedlichen Facetten erlebbar: von der sorbisch/wendischen Kultur über die Entwicklung des Cottbuser Ostsees bis hin zu Zukunftsprojekten des Strukturwandels. Auch die Tagungslocation im STARTBLOCK B2 am Campus der BTU Cottbus-Senftenberg stand sinnbildlich für diesen Aufbruch: ein Gründungszentrum für Start-ups, innovative Unternehmen und neue Ideen.
Auch aus dem Umfeld der BTU wurde die Stadtmarketingbörse als Chance wahrgenommen, Cottbus und die Lausitz einem bundesweiten Fachpublikum als Region zu zeigen, in der derzeit viel in Bewegung ist. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Transformation nicht nur aus neuen Gebäuden, Unternehmen oder Technologien besteht. Sie muss erzählt, vermittelt und gemeinsam gestaltet werden – und genau hier kommt dem Stadtmarketing eine wichtige Rolle zu.
Die fachlichen Beiträge der Börse machten deutlich, wie schnell sich die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz entwickeln. Anwendungen, die vor kurzer Zeit noch Zukunftsmusik waren, gehören inzwischen zum Arbeitsalltag. Und die Entwicklung geht weiter: von einzelnen generativen Anwendungen hin zu Systemen, die dauerhaft mit Kontext arbeiten, Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen und komplexere Arbeitsabläufe unterstützen können. Das Programm griff diese Entwicklung unter anderem mit Praxisimpulsen zu KI-Strategien und agentischer KI auf.
Der Satz „KI ist nie wieder so schlecht wie heute“ beschreibt dabei eine der besonderen Herausforderungen: Organisationen müssen Entscheidungen über eine Technologie treffen, deren Möglichkeiten sich permanent weiterentwickeln. Es reicht deshalb nicht, einzelne neue Tools kennenzulernen. Vielmehr braucht es Kompetenzen, Strategien und klare Vorstellungen davon, welche Aufgaben mit KI besser erfüllt werden können – und welche nicht.
Ein Gedanke zog sich dabei durch viele Diskussionen: KI kann schlechte Prozesse nicht automatisch zu guten machen. Bevor Abläufe automatisiert werden, müssen Organisationen verstehen, welche Ziele sie verfolgen, welche Informationen sie benötigen und wo tatsächlich ein Mehrwert entsteht.
Wie grundlegend sich mit KI auch Fragen von Authentizität und Vertrauen verändern, zeigte sich bereits bei der Eröffnung der Stadtmarketingbörse.
Der damalige bcsd-Bundesvorsitzende Gerold Leppa sprach in seiner Begrüßungsrede über Vertrauen, Verantwortung und die Grenzen Künstlicher Intelligenz. Er warnte unter anderem davor, dass Städte durch den Einsatz derselben Technologien zunehmend ähnlich klingen könnten, und betonte, dass die durch KI gewonnene Zeit insbesondere für den Austausch mit Menschen genutzt werden sollte. Eine Stadt sei schließlich kein Datensatz und kein Algorithmus.
Erst am Ende seiner Rede folgte die Auflösung: Der Text war mit Unterstützung einer KI entstanden.
Das Experiment führte unmittelbar vor Augen, wie schwierig es inzwischen sein kann, maschinell erzeugte Kommunikation eindeutig zu erkennen. Gleichzeitig machte es eine entscheidende Frage sichtbar: Nicht allein entscheidend ist, wer einen Text erstellt, sondern wer für ihn Verantwortung übernimmt.
Leppa hatte den KI-generierten Text geprüft und bearbeitet und machte dessen Entstehung anschließend transparent. Genau darin lag die eigentliche Aussage des Experiments. Verantwortung kann nicht an einen Algorithmus delegiert werden. Wer KI für Kommunikation nutzt, muss die Ergebnisse beurteilen, für sie einstehen und transparent entscheiden, wann und wie die Technologie zum Einsatz kommt.
Der Satz aus der Eröffnungsrede wurde damit zu einem Leitmotiv, das weit über die Rede hinausweist.
Denn gleichzeitig wurde auf der Stadtmarketingbörse deutlich, wie wichtig Daten, Informationen und digitales Wissen künftig für Städte werden. Wenn Menschen KI-Systeme zunehmend nutzen, um sich über Orte, Veranstaltungen, Angebote oder Standorte zu informieren, verändert sich auch kommunale Kommunikation.
Für Städte und Stadtmarketingorganisationen wird es wichtiger, Informationen aktuell, strukturiert und verlässlich verfügbar zu machen. Künftig geht es nicht mehr allein darum, ob Informationen über klassische Suchmaschinen gefunden werden. Ebenso relevant wird, welches Wissen KI-Systeme über eine Stadt finden, verstehen und in ihren Antworten weitergeben.
Aber eine Stadt besteht eben nicht nur aus den Informationen, die sich über sie speichern lassen. Sie besteht aus Geschichten, Erfahrungen, Beziehungen, Konflikten, Erinnerungen und individuellen Wahrnehmungen. Identität entsteht nicht allein aus Daten.
KI kann dieses Wissen strukturieren und zugänglich machen. Sie kann jedoch nicht allein festlegen, was eine Stadt ausmacht, welche Werte sie vertritt oder welche Geschichte sie erzählen möchte.
Damit rückte immer wieder die Frage nach Vertrauen in den Mittelpunkt der Tagung.
In den Gesprächen mit Referent:innen wie Marie Kilg und Prof. Dr. Bernhard Pörksen standen Fragen im Raum, die Stadtmarketingorganisationen künftig zunehmend beschäftigen werden: Wem vertrauen Menschen, wenn immer häufiger KI mit ihnen kommuniziert? Welche besondere Verantwortung tragen Städte in einer Öffentlichkeit, die schneller, fragmentierter und KI-geprägter wird? Und wie können Organisationen neue technische Möglichkeiten nutzen, ohne das Menschliche und Persönliche aus ihrer Kommunikation zu verlieren?
Diese Fragen reichen weit über die technische Anwendung von KI hinaus. Städte und Stadtmarketingorganisationen kommunizieren nicht nur Informationen. Sie vermitteln zwischen Akteur:innen, schaffen Orientierung, moderieren unterschiedliche Interessen und tragen dazu bei, Identifikation und Vertrauen aufzubauen.
Gerade wenn Bilder, Texte, Stimmen und Videos immer leichter künstlich erzeugt werden können, gewinnen nachvollziehbare Absender, Transparenz und glaubwürdige Kommunikation an Bedeutung.
Zuhören, Vertrauen aufbauen, Interessen miteinander verbinden und Beziehungen gestalten bleiben dabei Aufgaben, die nicht einfach automatisiert werden können.
Eine weitere Frage der Stadtmarketingbörse lautete deshalb: Wie kann KI dazu beitragen, dass der digitale Raum den analogen Stadtraum stärkt – anstatt ihn zu ersetzen?
Gerade darin liegt für das Stadtmarketing großes Potenzial. Digitale Anwendungen können Menschen dabei unterstützen, Angebote zu entdecken, Informationen leichter zu finden, Beteiligungsmöglichkeiten wahrzunehmen oder eine Stadt aus neuen Perspektiven kennenzulernen.
Entscheidend bleibt aber, was daraus im realen Stadtraum entsteht. Führt die digitale Anwendung zu Begegnung? Unterstützt sie lokale Angebote? Hilft sie Menschen dabei, ihre Stadt besser zu verstehen und zu nutzen?
Technologie ist damit kein Selbstzweck. Ihr Wert zeigt sich dort, wo sie dazu beiträgt, reale Orte und Gemeinschaften zu stärken.
Mit dem Einsatz von KI ist häufig das Versprechen größerer Effizienz verbunden. Routineaufgaben können schneller erledigt, Informationen ausgewertet und Inhalte erstellt werden.
Doch auch hier stellte die Stadtmarketingbörse eine weiterführende Frage: Was machen wir eigentlich mit der gewonnenen Zeit?
Wenn jede eingesparte Stunde lediglich mit zusätzlichen Aufgaben gefüllt wird, ist wenig gewonnen. Gerade im Stadtmarketing können neue Freiräume für Tätigkeiten besonders wertvoll sein, die schwer automatisierbar sind: strategisches Denken, Kreativität, persönliche Begegnung, Netzwerkarbeit und der Austausch mit Partner:innen und Stadtgesellschaft.
Damit verschiebt sich die zentrale Frage von „Wo können wir KI einsetzen?“ hin zu: „Wo schafft KI für unsere Arbeit und unsere Städte tatsächlich einen Mehrwert – und wo braucht es ganz bewusst den Menschen?“
Wie aktuell diese Fragen für Stadtmarketingorganisationen sind, zeigen auch die Ergebnisse der bundesweiten Untersuchung „Digitale Stadtentwicklung – Smart City und KI im Stadtmarketing“ von bcsd und imakomm, die im Rahmen der Stadtmarketingbörse vorgestellt wurden.
Fast jede zweite befragte Stadtmarketingorganisation setzt bereits KI oder automatisierte Systeme ein. Gleichzeitig verfügen rund drei Viertel über keine dokumentierte KI-Strategie. Zwischen praktischer Nutzung und strategischer Verankerung besteht damit vielerorts noch eine deutliche Lücke.
Die Ausgangslagen sind dabei sehr unterschiedlich. Manche Organisationen beschäftigen sich bereits intensiv mit automatisierten Prozessen und neuen KI-Anwendungen, andere stehen noch am Beginn ihrer Digitalisierung.
Umso wichtiger ist es, KI nicht isoliert zu betrachten. Eine tragfähige Strategie braucht klare Ziele, gute Prozesse, verlässliche Informationen, Kompetenzen innerhalb der Organisationen und Regeln für Verantwortung, Datenschutz und Transparenz.
Die Deutsche Stadtmarketingbörse bestand zugleich aus weit mehr als ihren Vorträgen und Praxisimpulsen.
Das Experience Center schuf Raum dafür, Anwendungen kennenzulernen, Fragen aus dem Arbeitsalltag zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen. Die ausgebuchte Fachausstellung brachte langjährige Partner der Stadtmarketing-Community ebenso wie neue Anbieter nach Cottbus und bot zahlreiche Gelegenheiten für fachliche Gespräche.
Ebenso wichtig waren die Begegnungen zwischen den Programmpunkten und an den Abenden. Vom gemeinsamen Auftakt bis zum Gastgeberempfang in der Alten Chemiefabrik ging es darum, neue Menschen kennenzulernen, bekannte Gesichter wiederzutreffen, Erfahrungen aus unterschiedlichen Städten auszutauschen und gemeinsam weiterzudenken.
Gerade bei einer Entwicklung, die so schnell voranschreitet wie Künstliche Intelligenz, wird dieser Austausch wichtiger. Keine Organisation kann jede technische Entwicklung selbst verfolgen und bewerten. Netzwerke ermöglichen es, Wissen zu teilen, Erfahrungen weiterzugeben, Fehler nicht mehrfach zu machen und neue Fragen gemeinsam zu diskutieren.
Die Deutsche Stadtmarketingbörse 2026 hat gezeigt, wie groß die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz für das Stadtmarketing bereits heute sind – und wie viel Entwicklung noch vor uns liegt.
„KI ist nie wieder so schlecht wie heute“ beschreibt dabei die Geschwindigkeit dieser Entwicklung. „Eine Stadt ist kein Datensatz“ erinnert gleichzeitig daran, woran sich ihr Einsatz messen lassen muss.
Nicht alles, was technisch möglich wird, ist automatisch sinnvoll. Stadtmarketingorganisationen müssen deshalb zunehmend selbst entscheiden, welche Technologien zu ihren Zielen, ihren Aufgaben und zu ihrer Stadt passen.
Dafür braucht es Neugier und Mut zum Ausprobieren, aber ebenso strategische Orientierung, kritische Urteilskraft und klare Verantwortlichkeiten.
Denn auch in einer zunehmend KI-geprägten Welt bleibt Stadtmarketing eine zutiefst menschliche Aufgabe: zuhören, Vertrauen schaffen, Menschen zusammenbringen, Identität stärken und Veränderung gemeinsam gestalten.
Vielleicht lässt sich das wichtigste Fazit aus Cottbus deshalb so zusammenfassen: KI verändert unsere Werkzeuge und unsere Arbeitsweisen – aber sie verändert nicht den Kern dessen, worum es im Stadtmarketing geht.
Die Frage ist längst nicht mehr, ob KI Teil des Stadtmarketings wird. Entscheidend ist, wie wir sie einsetzen – und ob es uns gelingt, ihre Möglichkeiten dafür zu nutzen, unsere Städte lebenswerter, verständlicher und gemeinschaftlicher zu gestalten.
Wir danken unseren Hauptsponsoren MK ILLUMINIATION und der Aconium GmbH.
Vielen Dank an Peter Wieler für die Fotos.